Wie bekomme ich offenere Retrospektiven?

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In diesem Blog Artikel möchte ich mich mit Punkt 5 meiner kürzlich durchgeführten Umfrage beschäftigen. Hier noch einmal der Punkt zur Erinnerung:

Nur sachlich/fachliche Themen werden besprochen: Mein Team beschränkt seine Retrospektive sehr stark auf die fachlichen Dinge und sachliche Probleme: wie können wir besser Programmieren? Wie kann der Prozess besser funktionieren. Sie wollen sich aber nicht auf eine persönliche Ebene einlassen und über das Zwischenmenschliche sprechen. (2 Teammember Blocken das stark ab und propagieren eine strikte Trennung zwischen „Privatleben“ und „Geschäftlichem“).

Das sich Teams, die sich erst relativ kurz mit Retrospektiven beschäftigen, vor allem auf „greifbare“ Dinge konzentrieren ist normal. Zum einen sind diese Dinge oft viel einfacher zu lösen (ein Continuous Integration Server ist z.B. recht schnell aufgesetzt)und zum anderen hat man so das Gefühl etwas bewegen zu können. Ab einem gewissen Punkt ist das aber nicht mehr genug. Wenn Menschen in einem Team zusammen arbeiten, „menschelt“ es automatisch. Ich kenne nur wenige Teams, in denen es gar keine Konflikte gibt. Zusätzlich kann es an den Schnittstellen zum Team knistern. Auch diese Themen müssen als Teil des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses angesprochen werden und sollten nicht ignoriert werden. Was aber, wenn das Team sich weigert, diese Dinge anzusprechen?

Die harte Realität gleich zu Anfang: Für dieses Problem gibt es keine einfache Lösung und erst recht kein Patentrezept. Das liegt daran, dass diese Probleme extrem vom Kontext und den involvierten Personen abhängen. Jeder Mensch ist anders. Ich habe zwei Kinder, die in der gleichen Umgebung aufwachsen, für die die gleichen Regeln gelten und die unter den gleichen Erziehungsmethoden leiden müssen. Trotzdem sind beide grundverschieden.

Aus meiner Sicht sind die Hauptursachen für das oben genannte Problem die Kultur des Unternehmens und die Menschen selbst. Zu allem Überfluss beeinflussen sich diese beiden Dinge auch noch. Hatte ich bisher eine Unternehmenskultur, in der viel mit Druck gearbeitet wurde, die streng hierarchisch und befehlsgewohnt ist, in welcher der Chef/das Management mit Angst regiert, dann kann ich nicht erwarten dass die Mitarbeiter offen miteinander umgehen. Hier ist die oberste Priorität, dass eine Umgebung für die Mitarbeiter geschaffen wird, in der sie sich wohl fühlen und der sie sich öffnen können. Ein Umgebung in der Selbstorganisation und gegenseitiges Vertrauen gelebt wird. Eine Umgebung, in der alle Entscheidungen transparent gemacht werden, usw. Retrospektiven können sicher dabei helfen, aber ein intensives Coaching ist sicher der wichtigere Schritt. Hier sollte man sich einen Experten wie Olaf Lewitz oder Steve Holyer ins Haus holen, die ihren Fokus auf die Kultur in einem Unternehmen gesetzt haben. Wenn man es schafft eine solche Umgebung in seinem Unternehmen zu etablieren, dann werden sich die Mitarbeiter auch automatisch öffnen. Manche werden gehen, da sie mit einer solchen Kultur nicht umgehen können. Auf der nächsten OOP (2014) wird es übrigens einen ganzen Track zu diesem Thema geben (Soft Skills are the new Hard Skills), der von Olaf geleitet wird.

Hat man eine solche Kultur und trotz allem oben beschriebenes Problem, liegt es meist daran dass die Menschen Angst haben sich zu öffnen. Sie haben Angst sich angreifbar und verwundbar zu machen. Es ist einer der wichtigsten Aufgaben eines guten Facilitators, diese Dinge zu sehen und in seinen Retrospektiven eine sichere Wohlfühlatmosphäre zu schaffen. Die fängt schon bei der Vorbereitung des Raums an. Eine 5 kg Box Gummibärchen können bereits Wunder wirken. Es ist erstaunlich wie die bloße Anwesenheit von etwas zu Essen gleich eine viel lockerere Atmosphäre schafft. In der Phase „Den Boden bereiten“ legt man dann das Fundament für eine offene Retrospektive. Hier kann der Einsatz der Prime Directive und einer gemeinsam erarbeiteten Teamcharta helfen. Außerdem können die folgenden Aktivitäten dabei helfen gleich von Anfang an, auch die „soften“ Themen zu integrieren:

  • Der Wetterbericht: Es gibt eine vorbereitete Flipchart, auf der die Teilnehmer ihren derzeitigen Gemütszustand eintragen (sonnig, bewölkt, regnerisch, stürmisch).
  • Check-In – Zeichne den letzten Sprint: Basierend auf dem Blog Artikel von Thorsten Kalnin beantworten die Teilnehmer zeichnerisch Fragen wie „Wie hast du dich während der letzten Iteration gefühlt?“ oder „Was war für dich das größte Problem?“.
  • Ein Frage: Die Teilnehmer beantworten der Reihe nach eine einfache Frage wie z.B. „Wenn du ein Auto wärst, was für ein Auto wärst du?“ oder „Mit welcher Pizza würdest du die letzte Iteration vergleichen?“. Je lustiger die Frage desto lockerer die Stimmung.
  • Take a stand: Auf dem Boden liegt eine Skala von Schlecht bis Super (z.B. mit Malerkrepp). Zu Beginn der Retrospektive stellen sich die Teilnehmer entlang der Skala auf, um ihre Zufriedenheit mit der letzten Iteration zu zeigen.

Es gibt noch weitaus mehr Aktivitäten. Wem hier Ideen fehlen, dem sei der Retr-o-Mat ans Herz gelegt. Ähnliche Aktivitäten, die auch die Emotionen der Teilnehmer mit einbeziehen, gibt es auch für die anderen Phasen einer Retrospektive. Beispielsweise kann ein Zeitstrahl in der Phase „Daten sammeln“ eingesetzt werden, bei dem die Teilnehmer den Verlauf ihrer Gemütslage darunter malen können.

Dies sind nur ein paar Ideen, die ich zu diesem Thema habe. Wie gesagt hängt auch viel vom Facilitator selbst ab. Mich würde aber auch interessieren was für Ideen ihr zu diesem Thema habt. Also scheut euch nicht mir einen Kommentar zu hinterlassen.

3 Gedanken zu „Wie bekomme ich offenere Retrospektiven?

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